Glockeneinbau

Für das Feuerwehr-Magazin lieferte ich eine Reportage über den Einbau einer Glocke in den Schüttorfer Kirchturm. Der Bericht erschien in der Septemberausgabe 2005 des Magazins.

Sechs Glocken hängen im Turm der evangelisch-reformierten Kirche Schüttorf. Bei der Reparatur des Holzjoches im Jahr 2003 wurde festgestellt, dass die alte Brandglocke vor unbekannter Zeit unsachgemäß „kaputtrepariert“ wurde. Von der großen Glocke war ein Teil der Glockenkrone abgeschlagen worden. In die Glocke und durch den Rest der Krone wurden Löcher gebohrt um die Glocke mit dem hölzernen Joch per Gewindestangen zu verbinden. Das führte zu einem unsauberen Klang und einem verkürzten Nachhall, die Glocke „schepperte“.
Die Bronzeglocke mit dem Schlagton „es“ wiegt etwa 1700 kg, der untere Durchmesser beträgt 140 cm. Sie stammt aus dem Jahr 1435 und wurde früher im Brandfall geläutet. Heute läutet sie unter anderem vor Gottesdiensten fünf Minuten alleine und anschließend im großen Geläut. Mit einem Hammer wird zur vollen Stunde der Stundenschlag auf die Glocke übertragen. Die Inschrift an der Glocke, sinngemäß aus dem lateinischen übersetzt lautet: „Maria - Süße Melodien lasse ich erklingen, der Heiligen Lieder singe ich. Dieses heilige Werk möge segnen der Dreifaltige und Einzige - 1435“.

   
Für Reparatur der Glocke konnten im Jahr 2004 Finanzmittel aus dem Denkmalfond der evangelisch-reformierten Landeskirche bereitgestellt werden. Trotzdem sollten die Kosten natürlich so niedrig wie möglich gehalten werden, größtes Problem und Kostenfaktor dabei war der Aus- und Einbau der Glocke.
Beim Austausch des Joches im Jahr 2003 waren von der Ortsfeuerwehr Schüttorf Ortsbrandmeister Uwe Vernim und Pressewart Rainer Harmsen anwesend und kamen mit den Monturen ins Gespräch, wie den so eine Glocke am besten auszubauen wäre. Ein Vorschlag der Glockenmonteure war, eine große Glocke umzuhängen, um dann die auszubauende Glocke in der Mitte des Turmes ausbauen zu können. Diese Bergung von außen hätte allerdings Gerüstbau und Entfernung von Mauerwerk erforderlich gemacht und wäre dadurch sehr zeitintensiv und dementsprechend auch teuer geworden. Da sich im Turmgewölbe jedoch ein zu öffnender Schlussring befindet, sollte die Glocke auf jeden Fall durch diesen im Inneren des Turmes herab gelassen werden.
Der Küster der Kirchengemeine Dietrich Wensing kam bei diesen Gesprächen hinzu und sagte im Verlauf der Gespräche: „das ist doch sicherlich eine schöne Aufgabe für die Feuerwehr?!“. Spontan sagte Ortsbrandmeister Vernim, dass die Ortsfeuerwehr Schüttorf sicherlich dazu in der Lage wäre.
Wochen wenn nicht sogar Monate später fragte der Kirchenbaumeister Dietrich Dove sowie der Kirchenrat Wilhelm Steenweg bei der Feuerwehr an, ob diese Aussage seinerzeit ernst gemeint gewesen wäre. Nach reiflicher Überlegung kam Vernim zu dem Entschluss, dass die Ortsfeuerwehr Schüttorf genügend Sachverstand habe, um diese Aufgabe bewerkstelligen zu können und sagte der evangelisch-reformierten Kirchengemeinde die Unterstützung bei der Glockensanierung zu. 
   


 
Im Ortskommando der Wehr stellte Vernim sein Vorhaben vor. Die Kameraden reagierten zunächst skeptisch, fanden die Sache aber durchaus interessant. Während in mehreren Ortsterminen Vernim seine Pläne zum Aus- und Einbau (Standorte der Umlenkrollen, Greifzüge etc.) darstellte, reifte bei immer mehr Kameradinnen und Kameraden die Überzeugung, dass eine solche Aufgabe sicherlich einmalig im aktiven Dienst sei und „man einfach dabei sein muss“. Der Gemeindebrandmeister der freiwilligen Feuerwehr Schüttorf Albert Becker hingegen war sehr skeptisch und blieb dies auch bis zum Wiedereinbau der Glocke. Er sagte damals „ wir würden auf jeden Fall in die Geschichtsbücher eingehen, ob es nun gelingt oder nicht“. Nach erfolgtem Wiedereinbau war er dann sehr stolz auf seine Kameradinnen und Kameraden. 


   
Die gesamte technische Planung des Aus- und Einbaus der Glocke wurde so ausgerichtet, dass mindestens eine vierfache Sicherheit gewährleistet war. Alle verwendeten Seile, Umlenkrollen, Anschlagseile, Schäkel, etc. wurden den Fahrzeugen der Ortsfeuerwehr Schüttorf, vorwiegend dem RW2 entnommen.
Die Einsatzbereitschaft der Wehr war während der gesamten Einsatzzeit gewährleistet, das MZF und weitere Fahrzeuge standen bereit und hätten gegebenenfalls sofort Material des RW2 übernommen, um zu einem Hilfeleistungseinsatz ausrücken zu können. Der gesamte Einsatz wurde als Ausbildungsdienst für technische Hilfeleistung deklariert und war somit versicherungstechnisch voll abgedeckt.
Am 16. Oktober 2004 wurde es dann ernst, die Glocke sollte ausgebaut werden. Zum Erstaunen aller stand die große Bronzeglocke schon nach vier Stunden sicher in der großen Turmhalle. Um 7 Uhr begann die Feuerwehr mit den Vorbereitungen, bereits gegen 11 Uhr war das gute Stück zum ersten mal nach Fertigstellung des Kirchturms (vermutlich im Jahre 1535) wieder auf dem Erdboden. Die Glocke wurde mitsamt Joch nach unten befördert, da die verstümmelte Krone nicht den Eindruck erweckte, die Glocke tragen zu können. 
Repariert wurde die Glocke anschließend in der Glockenschweißerei Lachenmayer in Nördlingen (Bayern). Sowohl Stahl- als auch Gussglocken lassen sich nur unter hohem Aufwand schweißen. Dazu muss die Glocke mehrere Tage lang auf 600 Grad Celsius erwärmt und innerhalb einer Dämmung aus Steinwolle mit der richtigen Legierung sehr vorsichtig geschweißt werden. Nach dem Schweißvorgang darf die Glocke nur langsam abkühlen. Durch die Erhitzung werden Spannungen innerhalb der Glocke gelöst, die zu einer deutlichen Verbesserung des Nachhalls führen. Die Familie Lachenmayer aus Nördlingen hat auf dieses Verfahren der Glockenreparaturen ein Patent und beherrscht diese Kunst weltweit wohl einmalig. Die Reparatur kostete etwa 16000 Euro.

Am 11. März 2005 schließlich traf die reparierte Glocke wohlbehalten auf der Ladefläche eines LKWs in Schüttorf ein. Sie wurde mit Hilfe eines Radladers abgeladen und mit Hubwagen in die Mitte der Turmhalle gestellt. Kurze Zeit darauf traf die Ortsfeuerwehr Schüttorf mit vier Fahrzeugen und 20 Kameradinnen und Kameraden an der Kirche ein. Des weiteren waren Glockenmonteure und Mitglieder der Kirchegemeinde anwesend. 


   
Gegen 13 Uhr begannen die Einsatzkräfte der Schüttorfer Wehr mit den Vorbereitungen zum Wiedereinbau. Rüstwagen und Tanklöschfahrzeug wurden seitlich der Kirche vor dem Kirchturm in Stellung gebracht und mit Bremskeilen gesichert. Die Seilwinde des Rüstwagens RW 2 wurde am Tanklöschfahrzeug TLF 24/50 umgelenkt und mit Hilfe von Feuerwehrleinen den Turm hochgezogen und durch die Schallklappen an der Südseite des Turms bis zur Plattform im Glockenstuhl in gut 35 Meter Höhe geführt. Dort wurde das Seil erneut umgelenkt. Vor der Umlenkrolle wurde es jedoch noch mit einem 45 m langen Stahlseil verbunden um die notwendige Länge zu erhalten. Dieses wurde durch den Turm herabgelassen und an der Glocke befestigt. Das Tanklöschfahrzeug bot zwar einen perfekten Halt der Umlenkrolle, um aber das Seil richtig in der Turmöffnung führen zu können, war am Anfang ein zentimeterweises Verrücken des Fahrzeuges notwendig.
Da die Hängeposition der Glocke und die Öffnung in der Turmhalle nicht direkt übereinander liegen, musste an zwei Stellen im Turm mit Hilfe von Umlenkrollen an Greifzügen das Seil umgelenkt und zentriert werden. Langsam sollte so zuerst das Joch und dann die Glocke hinaufgezogen werden. Gegen 14.15 Uhr wurde die große Glocke zum ersten Mal vom Erdboden angehoben. Eine sofort durchgeführte Klangprobe mit einem Metallbolzen erwies sich in den, zugegebenermaßen ungeschulten, Ohren der Feuerwehr als sehr erfolgreich.  
   


   
Ganz langsam wurde die Glocke nun nach oben gezogen. Der erste Teil ihres Weges in die Höhe war recht unkompliziert, in der großen Turmhalle war genügend Platz. Am Schlussring des Gewölbes jedoch musste das Seil das erste Mal mit zwei Umlenkrollen geführt werden, damit die Glocke ohne anzuecken durch das Loch passte. Ein Feuerwehrkamerad war direkt am Schlussring mit einem Rettungsgeschirr gesichert und montierte die Umlenkrollen, die an Greifzügen befestigte waren, am Zugseil. „Zuerst ist es etwas ungewohnt, aber man gewöhnt sich schnell an die Höhe“ sagte Hans-Gerd Kerkhoff und überwachte weiter in luftiger Höhe die richtige Führung des Zugseiles. Die beiden Greifzüge, an denen die Umlenkrollen befestigt waren, standen im Winkel von etwa 17 Grad zueinander und wurden von je zwei Einsatzkräften bedient, die Greifzüge selbst waren an Balken im Turminneren verankert.
 
Oberhalb des Schlussringes wurde die Glocke kurz abgesetzt und die beiden ersten Umlenkrollen demontiert. Dann ging es weiter in die Höhe.
Unterhalb des Glockenstuhls wurde es dann noch mal richtig eng, die Glocke konnte so gerade eben durch die Sparren und Balken bugsieren werden, wieder wurde mit Hilfe von Umlenkrollen an Greifzügen Millimeterarbeit geleistet. Im Glockenstuhl angekommen, wurde die Glocke zunächst auf einer Balkenlage abgesetzt.
Am Dienstag, den 15.3.2005 wurde die Bronzeglocke durch die Monteure einer Spezialfirma wieder in Betrieb genommen. Seitdem erklingen sowohl der Stundenschlag, als auch die Glockenmotive beim Verläuten, vor Gottesdiensten oder am Samstagabend, im neuen vollen Klang. 


Der gesamte Vorgang sowohl des Ausbaus als auch des Wiedereinbaus lief ohne Schäden an Personen oder Material reibungslos ab. Alle an dem Einsatz beteiligten Kameradinnen und Kameraden der Ortsfeuerwehr Schüttorf waren stolz und froh, bei der Aktion dabei gewesen zu sein. Für alle wird es eine bleibende Erinnerung sein.
Kritik aus der Bevölkerung gab es nur positive:
„Gut, dass die Feuerwehr so etwas kann!“ „Toll, dass Ihr Eure Freizeit opfert!“.